Schau mir in die Augen.... oder: Wie macht man Heimat?

Eindrücke von der 30. BVPPT-Tagung vom 03. - 05. November 2017 in Schleiden

 

Als  am Sonntag-Vormittag sich etwa 100 Counselor Auge in Auge paarweise gegenüber saßen und durch den Blickkontakt ihre personale Ebene in ein übergreifendes Wir transformierten, wäre das nur bei Zaungästen auf Befremden gestoßen. Die Beteiligten wussten um das Phänomen, das auf dieser Tagung immer wieder betont wurde: es gibt Erfahrungen, die sich nur denen vermitteln lassen, die sie zumindest einmal erahnt haben. Auch wer bislang mit dem Begriff der Emergenz noch nicht so viel anfangen konnte, verstand spätestens bei dieser Übung, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Elemente.  Dieser abschließend zusammenfassende Augen-Blick ließ einzelne Momente der Tagung noch einmal lebendig werden: der eine oder die andere erinnerte sich bei dieser Abschlussübung bei der Aufforderung „schau mir in die Augen“ vielleicht an die Musik aus „Casablanca“, mit der am Freitag-Abend – neben anderen Jazz-Evergreens - zu einer Bilder-Reise zu den Wurzeln des Jazz und der Resilienz nach New Orleans, aber auch nach Ostpreußen, Fehmarn und Guatemala eingeladen wurde. Andere werden sich bei der Konzentration auf ein Augenpaar an die immer wiederkehrende Anregung erinnert haben, dass ein vergrößerter Ausschnitt eines Bildes ganz andere Eindrücke vermittelt als das originale Bild und so zur Kraftquelle für Künstler und Betrachter wird. Das galt, wie die Teilnehmenden an den einzelnen Workshops erfuhren, auch für die Ausgestaltung eines einzigen Tons der eigenen Lebensmelodie oder einer einzigen Szene aus der Lebensinszenierung, aber auch für anekdotische Momentaufnahmen der eigenen Biografie, für das wortlose Erzählen von Geschichten mit einfachen Musikinstrumenten in den Text-Pausen oder für den grammatisch kreativen Umgang mit Begriffen. Andere werden bei dem Blick in offen wertschätzende und empathische Augen an die Überzeugung von Markus Reinhardt, dem Großneffen von Django Reinhardt, gedacht haben, die er auch im Umgang mit seinen Musikerkollegen – ähnlich virtuos und musikantisch wie sein berühmter Großonkel – praktizierte: Ein solcher fürsorglicher „Wir-Blick“ zeichne vor allem die Zigeuner aus, die ihr Wissen Menschen statt Büchern verdanken. Wer an diesem teils herbstlichen teils frühlingshaft anmutenden Wochenende die Tagungsteilnehmerinnen und Teilnehmer im Plenum, in den Workshops, bei Gesprächen und beim Feiern beobachtete, konnte diese Aussage – ähnlich wie die einleitenden Grußworte von Vertretern der Dachverbände DGfB und nfb betonten – mühelos auf die BVPPT Mitglieder ausweiten. Auch die Counselor erfuhren an diesem Wochenende, was sie so nicht in Lehrbüchern nachlesen konnten, und was tatsächlich viel mit dem schillernden Begriff „Heimat“ zu tun hat. In vielen kostbaren Augenblicken lernten sie im Herzen, dass die immer wieder zitierte Heimat-Definition von Karl Jaspers - dort, wo ich verstehe und verstanden werde -  nicht auf Worte angewiesen ist, sondern weit darüber hinaus geht. Die kulturellen Beiträge ließen erfahren, was kulturelle Beheimatung bedeutete, eigene Kindheitserinnerungen verbanden mit der familiären Heimat, die vielfältigen Kontakte während der Tagung mit dem Beziehungsaspekt von Heimat, der Umgang mit der eigenen Stimme oder dem Körperausdruck ermöglichte eine Beheimatung im eigenen Personsein, die noch ein per-sonare, eine Durchlässigkeit  für die transpersonale, spirituelle aber auch gesellschaftliche Ebene ermöglichte und – zusammen mit den sinnlichen Erfahrungen in den Workshops – den leiblichen Aspekt von Heimat deutlich machte. Auf diese Weise öffnete sich das ganze Kaleidoskop hinter diesem Begriff, das von der DNA eines Menschen bis in kosmische Sphären reicht, sich aus der gesamten Religions- und Philosophiegeschichte, aber auch aus der beheima­tenden Umgestaltung musikalischen Materials auf dem Weg  zur St. Augustine Church Kirche in New Orleans oder an Zigeuner-Lagerfeuern weltweit Anregungen holt und auf diese Weise auch Heimatverlust, Sehnsucht und Heimweh integriert. Dass somit Heimat eine wichtige Dimension beratenden Handelns, kollegialer Gemeinschaft in einem Berufsverband und gemeinsamer Jubiläumsfeiern ist, dürfte nach solchen Erfahrungen nicht nur den oft von weither angereisten Beteiligten, sondern auch neugierig-erstaunten einheimischen Zaungästen verständlich und ein Grund zur dankbaren Freude geworden sein. Allerdings müsste man angesichts des dichten Programms, das zumeist nur „Erlebnis-Augen-Blicke“ zuließ, eher von „Heimatchen“ sprechen, Doch das stört nicht wirklich – schließlich braucht man nur die kleinen Ausschnitte im Herzen genügend zu vergrößern...... 

 

 

Geert Franzenburg