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29. Jahrestagung BVPPT

03.11. - 05.11.2016

TAGUNGSBERICHT

Integrale Sexualtherapie - Selbstbestimmt und lustvoll bei der 29. Jahrestagung

Selbstbestimmt lustvoll sollte sie werden, diese 29. Jahrestagung des BVPPT. Für mich persönlich war sie das dann auch und ich freue mich, an dieser Stelle darüber berichten zu dürfen. Zuerst will ich allerdings verraten, dass ich zu den Kolleginnen gehöre, die trotz des Themas gekommen sind. Ich habe mich getraut, und bin froh darüber.

Der Einstieg ins Thema war spielerisch und bewegungsfreudig. Selbstbestimmt durften wir immer wieder neue Partner suchen und finden und dabei achtsam unsere eigenen Bedürfnisse ausloten: Will ich wählen oder will ich gewählt werden als Partner? Will ich führen oder geführt werden beim gemeinsamen Tanz? Wem will ich mich öffnen im Gespräch und wie weit? Von wem lasse ich mich berühren und auf welche Weise?

Die beiden ReferentInnen Mirjam Spitzner und Stephan Moschner vom Hamburger Institut für Paar- und Sexualtherapie haben von Beginn an einen guten und sicheren Rahmen geschaffen, der es mir leichtgemacht hat, mich dem Prozess vertrauensvoll hinzugeben. Meine Bereitschaft, mich einzulassen, meine Neugierde und Spielfreude wuchsen mit jeder neuen Übung und die vielfältigen Bewegungsangebote machten mir das Lernen leicht.

Mit immer neuen Partnern hatte ich Gelegenheit, mich auszutauschen und auf sehr persönliche Weise das, für mich neue, Terrain zu erforschen: Worauf bist du besonders neugierig in diesem Seminar? In welchem Bereich deines Lebens ist dir Selbstbestimmung besonders wichtig? Welchen Bereich deines Lebens empfindest du als besonders lustvoll? Was in deinem sexuellen Leben ist so wertvoll, dass du es bewahren und pflegen möchtest? Und was möchtest du daran weiterentwickeln? Ich lernte viel über mich selbst und durfte staunen, wie leicht es war, mich dem Gesprächspartner zu öffnen.

Den vier Sinnaspekten der Sexualität Beziehung - Lust - Identität - Fruchtbarkeit näherten wir uns wiederum gemeinsam als Gruppe in Bewegung und mit Achtsamkeit. „Spüre, mit welchem Aspekt du dich in besonderer Weise verbunden fühlst. Wo stehst du und wo willst du stehen, womit willst du dich (wieder neu) verbinden"? Hier galt es, eine Entscheidung zu treffen.

Jede/r für sich allein besuchte dann das „Haus meiner körperlichen und sexuellen Entwicklung". Die Seminarleiter begleiteten uns in einer Imaginationsübung von Raum zu Raum als Hinführung zu Fragen unserer eigenen sexuellen Biografie, denn: Sexualität wird gelernt! Was habe ich in Bezug auf meinen Körper und auf lustvolle Gefühle vermittelt bekommen? Was habe ich in Bezug auf meine geschlechtliche Identität vermittelt bekommen? Welche Aufträge und Bedeutungen habe ich in meiner Ursprungsfamilie in Bezug auf meine Sexualität vermittelt bekommen? Welche Kompetenzen habe ich durch meine Erfahrungen entwickelt und gewonnen?

Wir beschäftigten uns auch mit Sprache, die Macht und Ohnmacht ausdrücken kann und die sich im intimen und geschützten Rahmen der sexuellen Inszenierung vielfältiger Metaphern bedient.

Im Rollenspiel durften wir uns ausprobieren als Klient und Berater. Auch hier arbeiteten wir mit viel Bewegung und wechselnden Gesprächspartnern in kurzen und intensiven Gesprächseinheiten. Ganz bewusst bescherte uns hier zum ersten und letzten Mal an diesem Wochenende der Zufall immer wieder neue Partner. Eine echte Herausforderung war das für mich und eine gute Erfahrung zum Schluss.

Der Theorie, die selbstverständlich einen ebenso wichtigen Platz einnahm, möchte ich mich nur kurz zuwenden. Mitgenommen habe ich vor allem dies: Die integrale Sexualtherapie nimmt das sexuelle Begehren in den Fokus. Sie will erotisch-sexuelle Ressourcen aufspüren und begreift das Symptom als Entwicklungsaufgabe. Sie arbeitet u.a. systemisch, indem sie die sexuelle Paargeschichte reflektiert und tiefenpsychologisch orientiert, indem sie die sexuelle Biografie reflektiert und hier besondere Ereignisse und Störungen aufspürt. Ziel ist u.a. die Weitung des Bewusstseins und der Handlungsmöglichkeiten und die Stärkung des sexuellen Selbstvertrauens. Dafür wird ein schützender Rahmen zur Verfügung gestellt. Menschen haben hier Gelegenheit, direkt und detailliert über ihre Sexualität zu sprechen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben.

Der kulturelle Teil „Einfach Singen" am Freitagabend, souverän angeleitet und auf der Gitarre begleitet von Johanna Koslowsky, war ein voller Erfolg. Zwei Stunden lang sangen wir selbstbestimmt und lustvoll, was unser Herz begehrte.

Im Dazwischen fühlte ich mich angenommen und genoss das gute Gemeinschaftsgefühl in einer Gruppe, in der die ganz „alten Hasen" und „Newcomer" gleichermaßen offen und interessiert auf ihr Gegenüber zugingen. Selten habe ich in so kurzer Zeit, spielerisch und mit Leichtigkeit, so vielfältige Kontakte knüpfen dürfen, unter anderem auch nach Österreich und Luxemburg, wie bei dieser rundum gelungenen Jahrestagung. Lucie Ackerknecht nannte es den Faktor X: Das Mehr, das herauskommt, wenn eine Gruppe gut funktioniert. Ich bedanke mich für dieses Mehr, das ich erleben durfte, bei allen KollegInnen und bei den ReferentInnen Mirjam Spitzner und Stephan Moschner.

 

Ulrike Winter ( geboren 1964)

Counselor grad. BVPPT in eigener Praxis,

Leitet den IHP-Standort Karlsruhe

Lehrcounselor am IHP-Karlsruhe und an der Akademie Faber-Castell

Ergotherapeutin in einer allgemeinpsychiatrischen Tagesklinik.

Methodenschwerpunkt: Kunst- und Gestaltungstherapie

Kontakt: uw@beratung-und-kunsttherapie.de